Der zehnte Tag nach Neujahr in Judentum und Islam

Der höchste jüdische Feiertag ist der Jom Kippur (dt: Tag der Sühne), der im Deutschen auch als Versöhnungstag oder Versöhnungsfest bekannt ist. Er ist ein religiöser Ruhetag, ähnlich dem jüdischen Schabbat, und erwachsene Juden sind angehalten, an diesem Tag zu fasten.

Zuallererst fällt einem Muslim beim Namen Jom Kippur natürlich das hebräische Wort für “Tag” ins Auge, denn dieses ähnelt sehr dem arabischen Wort “Yaum”, das ebenfalls für “Tag” steht. Diese Ähnlichkeit wird einem besonders klar, wenn man einen Blick in die Eröffnungssure (al-Fatiha) des Korans wirft, wo es in Vers 2-4 (sinngemäß) heißt:

»Das Lob gehört Gott, dem Herrn der Welten, dem Gnädigen, dem Barmherzigen, dem Herrscher am Tage des Gerichts (arab.: yaum ad-dīn)!«

Der Tag des Gerichts spielt auch im Judentum eine große Rolle und er heißt im Hebräischen Jom haDin. Man sieht, in beiden rituellen Sprachen ist die Schreibweise nahezu identisch, und das gilt ebenso für die jeweilige Aussprache.

Aber auch wenn beide – wörtlich übersetzt – für den Tag des Gerichts stehen, so hat dieser Tag für Judentum und Islam doch eine etwas andere Bewandtnis. Im Islam steht yaum ad-dīn auch für yaum al-qiyāmā (dt.: Tag der Auferstehung), yaum al-Āḫar (dt.: Der letzte Tag), yaum al-Ḥisāb (dt.: Tag der Abrechnung) oder (wie im Deutschen üblich) den Jüngsten Tag. Es ist der letzte Tag der diesseitigen Welt, an dem der allmächtige Gott über die Menschen (gemäß ihren Taten) richten und ihnen (ihre Sünden) vergeben wird (wenn Er will).

Im Judentum allerdings ist der Jom haDin eine rabbinische Bezeichnung für Rosch haSchana (dt.: Haupt des Jahres / sprich: Anfang des Jahres), also den Neujahrestag nach jüdischem (Lunisolar-)Kalender. Dieser gilt als jüdischer Feiertag, an dem traditionell der Schofar geblasen wird, ein antikes Blasinstrument aus dem Horn eines Widders, einer Antilope o.ä..

An diesem Tag sind die Juden aufgefordert, sich selbst für das vergangene Jahr zur Rechenschaft zu ziehen, über die eigenen moralischen und religiösen (Misse-)Taten zu reflektieren und sich so zur Besserung im neuen Jahr zu erziehen. Rabbinische Quellen berichten auch, dass der allmächtige Gott an diesem Tag auf seinem Thron sitzt und die Bücher aller Taten der Menschen vor Ihm offen liegen und Er danach richtet und dieses Urteil in die Bücher einträgt.

Zudem leitet der Jom haDin im Judentum auch die zehn Jamim Noraim (dt.: ehrfurchtserweckenden Tage) ein. Diese Tage soll man zur Umkehr nutzen, nachdem man sich am Neujahrestag zur Rechenschaft gezogen hat. Das Urteil, dass der allmächtige Gott am Jom haDin in das Buch der Taten eingetragen hat, wird nämlich erst am 10. Tag nach dem Neujahr gewissermaßen besiegelt (sprich: gültig). Man hat die Möglichkeit, durch frühmorgentliche Gebete, Fasten, Wohltätigkeit, aufrichtige Selbstreflexion usw. , das Urteil noch positiv zu beeinflussen.

Der Zehnte Tag nach Neujahr, um den es in diesem Beitrag ursprünglich geht, ist dann der bereits eingangs erwähnte Jom Kippur (dt.: Tag der Sühne). Es handelt sich hierbei um den höchsten und heiligsten aller jüdischen Feiertage. Er ist ein äußerst gestrenger Ruhe- und Fastentag, der von den meisten (auch säkularen) Juden respektiert und vollzogen wird.

Bekanntheit hat dieser Feiertag im Deutschen auch (und vor allem) als Versöhnungstag, und dies, weil zwischen den Sünden unterschieden wird. So liest man im Talmud folgendes:

„Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist“

 (Talmud Joma VIII, 9)

Diese Regel kennt man auch im Islam. So heißt es in einer gesunden prophetischen Überlieferung (sinngemäß):

Der Gesandte Gottes (ﷺ) sprach: “Wer seinem Bruder (sprich: Glaubensbruder oder Mitmenschen) Unrecht getan hat, sollte ihn um Vergebung bitten (bevor er stirbt), denn es wird (am Tag des Gerichts) weder einen Dinar noch einen Dirham geben. (sprich: Er muss im Diesseits die Vergebung des Geschädigten erlangen), bevor (am Tag des Gerichts) einige seiner guten Taten genommen und seinem Bruder gutgeschrieben werden, oder, wenn er keine guten Taten hat, werden einige der schlechten Taten seines Bruders genommen, um auf ihn geladen zu werden.”

(Sahih al-Bukhari, Hadith Nr. 6534)

Sogar der Märtyrer ist nicht frei von dieser diesseitigen Sühne, denn in einer anderen gesunden prophetischen Überlieferung heißt es (sinngemäß):

Der Gesandte Gottes (ﷺ) sprach: Alle Sünden eines Märtyrers sind vergeben, außer die Schuld (gegenüber einem Mitmenschen).

(Sahih Muslim, Hadith Nr. 1886 a)

Und hier noch einmal etwas ausführlicher in einer dritten prophetischen Überlieferung (sinngemäß):

Der Gesandte Gottes (ﷺ) fragte (seine Gefährten): “Wisst ihr, wer arm ist?” Sie antworteten: “Ein armer Mann unter uns ist einer, der weder Dirham bei sich hat noch Wohlstand besitzt. Er (der Gesandte Gottes) sagte daraufhin: “Die Armen meiner Gemeinschaft werden diejenigen sein, die am Tag der Auferstehung mit Gebeten und Fasten und Almosen (als guten Taten zu mir) kommen, aber (sich arm fühlen werden), da sie andere missbrauchten, sie verleumdeten, unrechtmäßig an ihrem Reichtum zehrten, ihr Blut vergossen und gewalttätig gegen sie waren. Ihre guten Taten werden somit auf das Konto desjenigen übertragen (dem durch ihre Hände Unrecht widerfuhr). Und wenn ihre guten Taten nicht ausreichen, um das eigene Konto zu bereinigen, dann werden die Sünden (des Geschädigten in ihr Konto) eingetragen und sie werden dafür im Höllenfeuer bestraft.”

(Sahih Muslim, Hadith Nr.  2581)

Das Wissen darum, dass der allmächtige Gott die diesseitigen Missetaten gegenüber den Mitmenschen nur dann vergibt, wenn das Opfer der Missetat gewissermaßen einen Freibrief für die göttliche Vergebung ausstellt, sorgt vor der alljährlichen muslimischen Pilgersaison für viel Korrespondenz zwischen den Muslimen; denn diejenigen, die die große Pilgerfahrt (arab.: al-Hajj / al-Haddsch) nach Mekka & Medina beabsichtigen, erhoffen sich davon eine Reinigung von allen bisherigen Lebensünden. Da aber, wie gerade festgestellt, das Unrecht gegen Mitmenschen erst eine Vergebung des Opfers benötigt, bevor sie vom allmächtigen Gott vergeben wird, kontaktieren viele Pilger vor Beginn ihrer Pilgerfahrt zahlreiche Freunde, Bekannte und Familienangehörige, um (für den Fall eines ungeklärten Unrechtes) um Verzeihung zu bitten. Recht ähnlich vielleicht wie es bei den Juden in den 10 Tagen zwischen Jom haDin und Jom Kippur vonstatten geht.

Wenn nun also bei den Juden der 10. Tag nach Neujahr eingetreten ist, dann gehört es zur religiösen Tradition an diesem Jom Kippur zu fasten. Interessant ist, dass auch die Muslime am 10. Tag nach Neujahr fasten. Unter Nichtmuslimen ist zwar der Ramadan als der Fastenmonat der Muslime bekannt, der 10. Tag nach Neujahr aber eher nicht.

Der Neujahrestag ist im Islam (im Unterschied zu Juden- und Christentum) kein Fest- oder Feiertag. Es gibt zwar einige Muslime die sich zu diesem Tag einen frohes neues Jahr wünschen, aber dabei handelt es sich nicht um eine religiöse Tradition, sondern eher um eine Nachahmung jüdischer oder christlicher Gebräuche.

Der 10. Tag nach Neujahr allerdings ist bei den Muslime seit jeher als Aschura bekannt. Die Bedeutung des Tages bei den Schiiten, die diesen Tag als Trauertag begehen, soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, da sie den Tag für das Gedenken an ein innermuslimisches Vorkommnis gebrauchen, ihn also nicht in erster Linie auf prophetische Überlieferungen aufbauen. Hier soll es um die Bedeutung für den sunnitischen Islam gehen, also den Islam der Mehrheit der Muslime weltweit.

Die religiöse Pflicht zum Fasten gilt für heutige Muslime nur im Ramadan. Es gibt zwar Entschuldigungsgründe, die vom Fasten befreien, aber allgemeinhin muss der unentschuldigte Muslim den gesamten (Mond-)Monat Ramadan regelgerecht fasten. Dies war aber nicht immer so. In einer gesunden Überlieferung heißt es:

Aischa (die Ehefrau des Propheten) erzählte: Die Quraish (der Stamm des Propheten) pflegten in der vorislamischen Zeit am Tag von Aschura  zu fasten, und später befahl der Gesandte Gottes (den Muslimen), ebenfalls (diesen Tag) zu fasten, bis das Fasten im Monat Ramadan vorgeschrieben wurde; woraufhin der Prophet (ﷺ) sagte: “Wer fasten will (an Aschura), darf fasten, und wer nicht fasten will, darf nicht fasten”

(Sahih al-Bukhari, Hadith Nr. 1893)

Die Quraisch waren in der vorislamischen Zeit mehrheitlich Götzendiener, die neben dem allmächtigen Gott noch zahlreiche andere Götter anbeteten. Es mag verwundern, dass gerade Götzendiener diese Praxis, am 10. Tag nach Neujahr zu fasten, mit den Juden gemein hatten. Man muss aber wissen, dass die Quraisch damals schon die Hüter und Verwalter der Kaaba waren, die in der vorislamischen Zeit zwar für den Götzendienst missbraucht wurde, trotz alledem aber als das Haus Gottes verehrt wurde, dass laut antiker Überlieferung vom Gottesgesandten Abraham (hebr.: Avraham / arab.: Ibrāhīm) erbaut wurde.

Man geht davon aus, dass sich der Götzendienst der Araber (in der vorislamischen Zeit) selbst aus einem vorherigen Monotheismus heraus entwickelt hat, Stück für Stück, hin zum offenen Götzendienst. Diese “Unschuld” der Kaaba und einiger (vor allem Pilger-)Riten dürfte Anlass gewesen sein, dass sie auch nach der Verkündigung des Islams durch den Propheten Mohammad als monotheistisch rein galten.

So fasteten also der Gesandte Gottes und seine Gefährten in der Anfangszeit des Islams den 10. Tag nach Neujahr, den Aschura-Tag, als Pflicht. Der genaue Zeitpunkt, ab dem das Fasten an Aschura zur Pflicht wurde, lag nach der Auswanderung von Mekka nach Medina, wo auch einige jüdische Stämme lebten.

In einer gesunden Überlieferung heißt es hierzu:

Abu Musa (ein Gefährte des Propheten) berichtete: “Der Tag von Aschura war einer, den die Juden respektierten, und sie begangen ihn als Feiertag. Der Gesandte Gottes (ﷺ) sagte: “Ihr sollt (nur) das Fasten an diesem Tag ebenfalls einhalten.”

(Sahih Muslim, Hadith Nr. 1131)

Zum Ende seines Lebens, als das Fasten an Aschura keine islamische Pflicht mehr war, kündigte der Prophet Mohammad an, am folgenden Aschura zusätzlich zum 10. auch den Tag zuvor oder danach fasten zu wollen. Dies vor allem, um sich damit vom Begehen des Feiertages der Juden zu unterscheiden. Leider jedoch verstarb er noch bevor der nächste Tag von Aschura anbrechen konnte.

Für heutige Muslime gilt es also als eine nachahmenswerte Handlung (Sunnah) des Propheten, am Tag von Aschura zu fasten, und zwar um göttliche Vergebung für die Sünden des vorherigen Jahres zu erlangen (wie bei den Juden). Wie in folgender gesunden prophetischen Überlieferung (sinngemäß) beschrieben:

Der Gesandte Gottes (ﷺ) sagte: “Fastet den Tag von Aschura, denn in der Tat erwarte ich, dass Gott euch das vergangene Jahr (bzw. die begangenen Sünden darin) vergeben wird.”

(at-Tirmidhi, Hadith Nr. 752 / sahih)

Es gilt zusätzlich als empfohlen, neben dem 10. auch den 09. und/oder 11. Tag nach Neujahr zu fasten, um sich von der Praxis der Juden zu unterscheiden.

Was heutzutage jedoch Rätsel aufgibt, ist die Tatsache, dass Muslime seit jeher einen reinen Lunar-(sprich: Mond-)kalender für die Festlegung ihrer Feste und Riten benutzen, während die Juden einen Lunisolarkalender haben und die Christen sich am reinen Solar-(sprich: Sonnen-)kalender orientieren.

Das Mondjahr hat nur 354,3671 Tage, das Sonnenjahr aber dauert etwa 365,2422 Tage. Die Differenz beträgt also ca 10,8751 Tage. Muslimen (speziell hier im Westen) fällt das besonders auf, weil ihr Fastenmonat Ramadan im christlichen Sonnenkalender jedes Jahr etwa 10-11 Tage früher beginnt als im Jahr zuvor. So wandert  der Ramadan im Laufe von etwa 36 Jahren einmal durch alle Jahreszeiten des hiesigen Kalenders, um dann am Ausgangspunkt wieder anzugelangen.

Während der muslimische Mondkalender sich allein an den Mondphasen orientiert, passt sich der jüdische Lunisolarkalender alle paar Jahre – durch die Einfügung eines Schaltjahres – dem Sonnenkalender an.

19 Sonnenjahre als sogenannte Meton-Periode sind fast genau 235 Mondmonate. Daher werden im jüdischen Kalender innerhalb von 19 Jahren die Jahre 3, 6, 8, 11, 14, 17 und 19 zu Schaltjahren mit einem zusätzlichen Monat von 30 Tagen.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Kalender#Sonnenjahr

Auf diese Weise bewegt sich der Jom Kippur zwar auch im hiesigen Kalender, allerdings liegt er durch die Anpassung alle 2-3 Jahre immer innerhalb der Monate September und Oktober.

Deshalb stellt sich also die Frage, weshalb (und so hat es gemäß den prophetischen Überlieferungen den Anschein) in Medina die Juden ihrem Jom Kippur anscheinend am selben Tag zelebrierten, wie die Muslime (das Fasten an) Aschura. Denn eigentlich  dürften Jom Kippur und Aschura innerhalb von 32 bis 33 Jahren nur an 2 bis 3 aufeinanderfolgenden Jahren am selben Kalendertag stattfinden.

Der Prophet Mohammad residierte bis zu seinem Ableben etwa 8 Jahre in Medina. Während die Entscheidung, an Aschura verpflichtend zu Fasten, am Anfang der medinensischen Periode zu liegen scheint, lag die Entscheidung, sich durch 1 oder 2 zusätzliche Fastentage von den Juden zu unterscheiden, weniger als ein Jahr vor seinem Ableben.

Benutzten die damaligen Juden der arabischen Halbinsel vielleicht einen Mondkalender? Das wäre nicht undenkbar, denn die teils isolierten jüdischen Stämme der arabischen Halbinsel unterschieden sich in mancherlei Hinsicht von Juden in anderen Gebieten der damaligen Zeit und vor allem auch vom Judentum der heutigen Zeit, so gab es (laut koranischer und prophetischer Überlieferung) unter ihnen Gruppen, die das biblische Konzept der bene elohim (Söhne Gottes) im wahren Wortsinn (ähnlich wie die Christen) auf bestimmte Propheten (wie bspw. Uzayr / sprich: Ezra) anwandten und die Freigiebigkeit Gottes in Zweifel zogen.

Aber hierzu hat der Autor noch nicht ausgiebig genug recherchiert und studiert. Für Beiträge zur Kalenderfrage bezüglich der Juden von Medina steht der Kommentarbereich ebenso offen, wie für konstruktive Kritik und gelehrte Verbesserungen.

 

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