Jüdische Sichtweisen zum Islam

Übersetzung des englischsprachigen Artikels “Jewish Views on Islam” auf www.myjewishlearning.com . Der Urheber des Artikels ist Prof. Dr. Marc B. Shapiro, Inhaber des Harry & Jeanette Weinberg Lehrstuhls für Judaistik an der University of Scranton, Pennsylvania und Autor des Buches “Between the Yeshiva World and Modern Orthodoxy: The Life and Works of Rabbi Jehiel Jacob Weinberg, 1884-1966”.

Nach Ansicht der meisten jüdischen Denker ist der Islam kein Götzendienst; aber die jüdischen Autoritäten waren darüber uneinig, ob es besser ist, sich (unter Zwang) bekehren zu lassen oder stattdessen den Märtyrertod zu wählen.

Der Islam stellte eine nie dagewesene Herausforderung für das Judentum dar, denn hier gab es eine Religion, die genauso monotheistisch war wie ihre Mutterreligion. Hier war ein Konzept [ein nicht-jüdischer Monotheismus], das in den traditionellen talmudischen Texten keine Erwähnung fand, aber trotzdem ernsthaft berücksichtigt werden musste. Doch zuvor musste man sich genauere Kenntnisse über den Islam aneignen.

Der missverstandene Islam

Dies war nicht immer gegeben, und so finden wir eine Reihe früherer Verweise, die den Islam als Götzendienst charakterisierten, aufgrund der weit verbreiteten und falschen Auffassung, dass ein Götzenbild in der Kaaba, dem heiligen islamischen Gottesdienstzentrum in Mekka, zu finden sei. Es gibt sogar eine mittelalterliche Quelle, die Mekka als den Namen des islamischen Idols betrachtet! Diese falschen Vorstellungen veranlassten einige Gelehrte zu der Feststellung, dass es verboten war, Wein zu trinken oder sogar (wirtschaftlichen) Nutzen aus dem von einem Muslim gehandelten Wein zu ziehen (wegen des Verbots, den Wein eines Götzendieners zu trinken, aus Angst, dass er für ein Trankopfer verwendet wurde).

Ihrer Ansicht nach gab es keinen Unterschied im halachischen Status des Weins, der von einem Muslim oder Götzendiener gehandelt wurde.

Den Islam neu überdenken

Mit der Zeit verfestigte sich jedoch die Position unter den jüdischen Gelehrten, dass der Islam keine Götzendienst war, da die Juden das wahre Wesen des Islam besser verstanden hatten. Allerdings gab es auch schon in den ersten Jahren des Islams viele, die sich weigerten, ihn als eine Art Götzendienst zu betrachten.

Im neunten Jahrhundert entschied Rabbi Zemah Gaon, dass es einem Juden erlaubt sei, aus einem Wein Nutzen zu ziehen, mit dem zuvor ein Muslim in Kontakt kam. Wie bereits erwähnt, wäre dies verboten gewesen, wenn man den Muslim als Götzendiener betrachtet hätte. Da jedoch die Notwendigkeit, die Sozialisation mit den Nichtjuden zu verhindern – anscheinend sogar mit Nichtjuden die keine Götzendiener waren – durch den Talmud als weiteren Grund gegeben wird, den Konsum ihres Weins zu verbieten, entschied Rabbi Zemah, dass Wein, der von Muslimen behandelt wurde, immer noch ungeeignet war, von einem Juden getrunken zu werden. Ähnliche Aussagen wurden auch von den Geonim [den Häuptern des babylonischen Judentums vom 7. bis 11. Jahrhundert] Kohen Zedek, Sar Shalom, Nahshon und anderen wichtigen Autoritäten gemacht. Es gibt jedoch auch einige Ansichten, dass ein solcher Wein zum Trinken erlaubt war.

Die Grundlage für dieses nachsichtige Urteil ist einfach, dass der Islam als Religion nicht als götzendienerisch zu betrachten ist. Da sich diese Geonim jedoch alle mit einem engen halachischen [jüdischen Rechts-]Thema befassten, haben sie keine der größeren Fragen, die sich mit dem Verhältnis von Judentum und Islam befassen, erläutert.

Maimonides: Der Islam ist unwahr, aber kein Götzendienst

Dies wurde Maimonides [1135-1204] überlassen, der, wie wir sehen werden, die Ansicht vertritt, dass Muslime keine Götzendiener sind. Obwohl der Islam (seiner Ansicht nach) zwar eine Häresie (Irrglaube) war, hinderte dies Maimonides nicht daran, eine positive Einschätzung des Islams – oder sogar des Christentums, das er allerdings als Götzendienst betrachtete – zum Ausdruck zu bringen. Seiner Meinung nach haben der Islam und das Christentum, obwohl sie beide im Irrtum sind, immer noch einen gewissen Wert, da sie die Welt darauf vorbereiten, die wahre Religion, nämlich das Judentum, zu akzeptieren.

»Alle diese Worte des Jesus von Nazareth und dieses Ismaeliten [d.h. Mohammed], die nach ihm kamen, sollen nur den Weg für den messianischen König ebnen und die ganze Welt darauf vorbereiten, dem Herrn gemeinsam zu dienen. Wie gesagt wurde: “Denn dann werde ich die Rede der Völker in eine reine Rede verwandeln, damit alle den Namen des Herrn anrufen und ihm einmütig dienen” (Zephania 3,9). […]«

Wichtig für das Verständnis von Maimonides’ Sichtweise des Islams ist auch ein bekannter Brief, den er um das Jahr 1165 schrieb, als er noch in Fes wohnte, nachdem er noch nicht in [das Land Israel] und nach Ägypten gereist war. Es richtete sich an die Bewohner Marokkos, die von den Almohaden [der berberisch-muslimischen Dynastie, die Spanien und Marokko im 12. und 13. Jahrhundert regierte] mit Bekehrung, Exil oder Tod bedroht worden waren.

So geschah es, dass ein anonymer Gelehrter, der außerhalb der Reichweite der Almohaden gelebt hatte, eine Entscheidung getroffen hatte, nämlich dass der Islam Götzendienst sei und dass man daher sein Leben aufgeben müsse, anstatt sich zum Islam zu bekehren. Wenn man es nicht tat, sollte man ihn als keinen anderen als einen wahren Abtrünnigen behandeln. Dieses Urteil löste unter den Krypto-Juden Marokkos einen Sturm aus, und als Reaktion auf diese Verwirrung schrieb Maimonides seinen Brief, der eine wunderbare Verteidigung einer jüdischen Gemeinde war, die gezwungen war, ihre Religion wegen der Verfolgung zu verbergen.

Es gab viele Streitigkeiten darüber, wie treu Maimonides den halachischen Quellen war und ob seine Darstellung der Sichtweise seines Gegners korrekt war. Eines scheint jedoch sicher zu sein: Trotz der Vorbehalte (des Historikers) Haym Soloveitchiks war es die maimonidische Akzeptanz des monotheistischen Charakters des Islam, die es ihm ermöglichte, die Verteidigung der Krypto-Juden zu übernehmen, auch wenn er diese Akzeptanz nicht ausführlich mit Argumenten belegt.

Es scheint, dass er, weil er das Gefühl hatte, dass dieser Standpunkt so offensichtlich war, nicht die Notwendigkeit verspürte, ihn zu verteidigen. Alternativ könnte man sagen, dass seine Weigerung, den Standpunkt zu verteidgen, dass der Islam keine Götzenverehrung ist, darauf zurückzuführen ist, dass er die Kryptojuden so betrachtete, dass sie die Religion (Islam) nie wirklich akzeptiert hatten, und deshalb konnte sein Argument auf eine andere Herangehensweise zurückgreifen, die besagt, dass die Juden selbst unter der Annahme, dass der Islam Götzendienst ist, immer noch nicht gegen das Götzendienstverbot verstoßen haben. Hätten die Juden jedoch den Islam wirklich akzeptiert, hätte man wahrscheinlich erwarten können, dass Maimonides argumentiert, dass die Juden zwar Häretiker gewesen sein mögen, aber keine Götzendiener waren.

Auf jeden Fall kann man mit Sicherheit sagen, dass in den Generationen nach Maimonides fast alle halachischen Autoritäten seinen Standpunkt zum Islam akzeptiert haben.

Die Annahme des Maimonidean-Standpunktes

Tatsächlich war es Maimonides’ Sohn, Rabbi Abraham, der die Sichtweise seines Vaters zu seiner logischen Schlussfolgerung führte, als er argumentierte, dass islamische religiöse Praktiken zwar nicht imitiert werden sollten, aber streng genommen nicht unter das biblische Verbot fallen, den Wegen der Heiden zu folgen. Das liegt ganz einfach daran, dass “Muslime Monotheisten sind, die Götzendienst verabscheuen.”

Nach all dem, was gesagt wurde, sollte man nicht zu dem Schluss kommen, dass Maimonides in Bezug auf den Islam eine echte Toleranz im modernen Sinne des Wortes zum Ausdruck gebracht hat. Alle seine positiven Aussagen sollten lediglich die Natur der islamischen Religion verdeutlichen, Aussagen, die wiederum zahlreiche halakhische Folgen haben werden. Um zu zeigen, dass Maimonides alles andere als ein Anhänger religiöser Toleranz war, genügt es, darauf hinzuweisen, dass es seiner Meinung nach nicht nur für einen Muslim unmöglich ist, ein frommer Nichtjude zu sein, sondern es ist sogar für einen Nichtjuden verboten, den Geboten des Islam zu folgen [Mishneh Torah, Gesetze der Könige 8:11].

Er akzeptiert unmissverständlich die talmudische Ansicht, dass jedes nichtjüdische religiöse System illegal ist, und die einzigen Alternativen für Nichtjuden sind die Bekehrung oder Einhaltung der Sieben Gesetze von Noah, die per Definition jedes andere religiöse System ausschließen [Gesetze der Könige 10:9].

Werde zum Märtyrer, nicht zum Muslim

Während die Gegner von Maimonides an dem Irrglauben festhielten, dass der Islam Götzendienst sei, gab es nach Maimonides jene Autoritäten, die, obwohl sie sich der monotheistischen Natur des Islam bewusst waren, immer noch nicht mit der Position von Maimonides übereinstimmten und behaupteten, dass Juden ihr Leben opfern müssen, anstatt gezwungen zu sein, sich zum Islam zu bekehren. Ihre Begründung basierte auf der Tatsache, dass, wenn man seine Zustimmung zu Mohammeds prophetischer Mission gibt, dies das Gleiche ist wie das Leugnen der Gültigkeit der Thora.

Ihrer Meinung nach ist es ein Kapitalverbrechen, die Thora zu leugnen, und so sahen sie die Götzenverehrung nur als eine Manifestation dieser Leugnung an. Rabbiner David ibn Zimra zitiert den renommierten Rabbiner Yom Tov Ishbili (ca. 1250-1330) wie er an dieser Ansicht festhält und erklärt sich mit ihm einverstanden.

Eine Autorität findet Islam ist Götzendienst

Ich habe bereits erwähnt, dass fast alle Autoritäten Maimonides’ Ansicht über den Islam akzeptiert haben. Es gibt jedoch eine Autorität, die sich, obwohl am kryptischsten, in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen scheint. In einem mittelalterlichen Kommentar, der fälschlicherweise dem berühmten Weisen Rabbi Nissim Gerondi (um 1310-1375) zugeschrieben wurde., aber tatsächlich von einem unbekannten späteren Gelehrten geschrieben wurde, findet man im Laufe der “R. Nissims”-Diskussion eine schockierende Meinung, nämlich dass Christen sich vor heiligen Gegenständen verbeugen und Muslime sich vor Mohammed verbeugen[!] Obwohl der Kommentar nicht ganz klar ist, scheint er zu sagen, dass man, obwohl die Muslime Mohammed nicht in einen Gott verwandeln, ihre (vermeintliche) Verbeugungsaktion vor ihm als Götzendienst betrachten muss, folglich seien sie in die Kategorie der Götzendiener einzuordnen.

Dies ist eine dramatische Abweichung von Maimonides’ Sichtweise, und es ist schockierend, dass “R. Nissim” sich nicht einmal auf seinen Vorgänger bezieht. Auf jeden Fall hat sich der authentische R. Nissim nicht an diese Ansicht gehalten, und wir sind im Besitz einer Antwort von ihm, in der er unmissverständlich erklärt, dass der Islam keine Form der Götzenverehrung ist.

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