Wenn im Koran – in Verbindung mit den Israiliten – Affen und Schweine Erwähnung finden

Wenn im islamisch-religiösen Kontext von “Affen und Schweinen” die Rede ist, dann ist die erste Assoziation vieler Muslime => betrifft die Juden. Dies ist auch vielen zeitgenössischen Juden nicht verborgen geblieben und sorgt – völlig verständlich – nicht unbedingt für Freude.

Die Frage, ob der Islam antisemitisch sei, beschäftigt heutzutage viele Experten (und solche, die welche sein wollen) aus ganz unterschiedlichen Motiven. Während diese Frage für einige lediglich als rhetorisches Mittel in der politischen Auseinandersetzung fungiert und für andere eine Art Entlastungsfunktion übernimmt, sind besonders Muslime und Juden naturgemäß ganz fundamental an einer sachlichen und wahrheitsgemäßen Antwort interessiert.

Der Autor dieser Zeilen kann an dieser Stelle schon einmal seine ganz eigene Antwort auf diese Frage geben, als Muslim wohlgemerkt:

Ganz unstrittig ist, dass es unter zeitgenössischen Muslimen weit verbreitete und recht ausgeprägte Ressentiments gegen Juden im Allgemeinen gibt. Diese resultieren vielerorts zwar primär aus dem Nahost-Konflikt zwischen dem jüdischen Staat Israel und den mehrheitlich muslimischen Palästinensern (und ihren arabischen Nachbarn), speisen sich aber zusätzlich aus “deutschen Philosophien aus längst vergangener Zeit […] – den Philosophien des revolutionären Nationalismus und Totalitarismus, clever in muslimische Dialekte übersetzt.” [Paul Berman in Terror und Liberalismus] und aus Anknüpfungspunkten aus dem Koran sowie prophetischer Überlieferungen.

Der Autor benutzt hier ganz bewusst den Begriff “Anknüpfungspunkte”, denn um einen expliziten Judenhass aus den primären islamischen Religionstexten (Koran & Überlieferung) zu begründen, braucht es gewissermaßen eine Vorkonditionierung, d. h. man muss gezielt nach bestimmten Texten suchen und diese dann auch nach eigenem Gusto interpretieren und in die heutige Zeit übertragen.

Mit derselben Methodik haben Muslime schon ganze weltanschauliche Strömungen und Ideologien versucht religiös zu rechtfertigen, auch ganz gegensätzliche wie bspw. Sozialismus und  Kapitalismus, Pazifismus und Bellizismus oder Demokratie und Autokratie.

Man muss sich einfach den gewaltigen Schatz an religiösen Überlieferungen vergegenwärtigen, die den Koran, als zentrale Offenbarungsschrift, als teils mehr und teils weniger anerkannte exegetische Hilfmittel flankieren. Gerade Juden können dies mit ihren prophetischen Büchern (Nebim), biblischen Schriften (Ketubim), dem babylonischen Talmud (Talmud Bavli), dem palästinensischen Talmud (Talmud Jeruschalmi) usw. nachempfinden, die ihre Thora, als zentrale Offenbarungschrift, ebenso eskortieren.

Wir merken, dass es bei der Frage also nicht vordergründig um den Islam geht, sondern letztendlich um die Muslime und mit welcher Intention und politischen Konditionierung sie sich mit ihren religiösen Texten auseinandersetzen.

Ein Anknüpfungspunkt für antisemitische Topoi unter Muslimen ist die oben bereits genannte häufige Assoziation zwischen der “Affen & Schweine”-Metapher und Juden. Der folgende Koranvers beinhaltet das Affen-Attribut dieser Metapher :

»Und ihr kennt doch diejenigen von euch, die den Sabbat übertraten. Da sagten Wir zu ihnen: “Werdet verstoßene Affen!”«

Quelle: Koran, Sure 2 (al-Baqara), Vers 65, Bubenheim-Übersetzung => http://tanzil.net/#trans/de.bubenheim/2:65

Wichtig für das Verständnis eines Koranverses ist sein Kontext; zuallererst natürlich sein Kontext innerhalb der koranischen Erzählung (sprich: seine Verbindung mit den vorherigen und folgenden Versen) und sein Kontext innerhalb der Begebenheit die er beschreibt oder aus deren Grund er offenbart wurde. Der Kontext innerhalb der koranischen Erzählung ist anhand des Hyperlinks im Quellenverweis möglich.

Inhaltlich handelt es sich um eine Begebenheit, die die Israiliten betraf und in unterschiedlichen religiösen Erzählungen überliefert wurde. Hier eine Überlieferung aus dem Exegese-Werk Tafsīr al-Qurʾān des bekannten muslimischen Gelehrten Ibn Kathīr (gest. 1373 n. Chr. zu Damaskus):

»Suddijj sagte folgendes über die Aussage Allahs “Und gewiss habt ihr diejenigen unter euch gekannt, die das Sabbat-Gebot brachen. Da sprachen Wir zu ihnen: “Werdet ausgestoßene Affen.” [2:65]:

“Hiermit sind die Leute von Elat gemeint. Elat war eine Stadt am Meer. Es war so, dass am Samstag (Sabbat) – wobei Allah den Juden verboten hatte, an einem Sabbat irgendetwas zu arbeiten (oder: zu tun) – die Fische derart (an ihre Küste) kamen, dass (quasi) kein Fisch sonst mehr im Meer woanders blieb.

Es war so, dass die Köpfe der Fische zum Teil aus dem Wasser ragten. Als der Sonntag anbrach, waren sie wieder im weiten Meer verschwunden.

Es war kein Fisch zu sehen, ehe es nicht wieder Samstag wurde. Dies ist die Aussage Allahs:

“Und frage sie nach der Stadt, die am Meer lag, und (danach,) wie sie den Sabbat entweihten, wie ihre Fische scharenweise an ihrem Sabbattage zu ihnen kamen. Doch an dem Tage, da sie den Sabbat nicht feierten, da kamen sie nicht zu ihnen. So prüften Wir sie, weil sie gefrevelt hatten.” [7:163]

Es kam so, dass einer von ihnen Appetit auf Fisch bekam. Der Mann grub ein Loch und verband dieses mit einer kleinen Wasserrinne mit dem Meer. Als es Samstag wurde, öffnete er die Wasserrinne. Die Wellen kamen und spülten dann die Fische ins Loch (welches er gegraben hatte). Die Fische wollten wieder raus, konnten es aber nicht wegen des wenigen Wassers in der Wasserrinne. Der entsprechende Fisch blieb dann bis zum Sonntag im Loch.

Am Sonntag kam der Mann und holte den Fisch dann heraus. Als der Mann dann den Fisch briet, roch sein Nachbar den Geruch des (gebratenen) Fisches.

Da fragte der Nachbar danach, worauf er ihm darüber Auskunft gab.

Daraufhin machte der Nachbar das gleiche. So ging es weiter (d. h. das gleiche wie eben berichtet geschah dann mit diesem Mann und dessen Nachbar usw.), bis es unter ihnen verbreitet war, diese Fische zu essen. Da sagten ihnen ihre Gelehrten: “Wehe euch! Ihr geht auf Fang am Samstag (Sabbat), das ist euch nicht erlaubt”. Da antworteten sie: “Nein, wir haben die Fische am Sonntag gefangen, nämlich als wir sie aufsammelten”.

Da antworteten die Gelehrten: “Nein, ihr habt in Wirklichkeit an dem Tag den Fisch gefangen, als ihr die Wasserrinne geöffnet habt, so dass der Fisch reinschwimmen konnte (und das war Samstag).” Die Leute machten jedoch trotzdem weiter. Da sagten einige von denen, die das sündige Verhalten verurteilten, zu den ihren (d. h. den Ermahnern):

“Warum ermahnt ihr Leute, die Allah vernichten oder mit einer strengen Strafe bestrafen will?”, d. h. warum warnt ihr sie weiterhin? Ihr habt sie bereits ermahnt und sie haben nicht auf euch gehört. Da antworteten einige:

“Zur Entschuldigung vor eurem Herrn und damit sie gottesfürchtig werden mögen.” [7:164]

Als sie nicht aufhörten, sagten die Muslime (sprich: die Israiliten die das Sabbat-Gebot nicht brachen): “Bei Allah, wir wollen nicht mehr mit euch in einer Stadt zusammen wohnen. Und so teilten sie die Stadt durch eine Mauer. Die Muslime öffneten ein Tor und die Sünder öffneten ein Tor. Und David, Friede sei mit ihm, verfluchte sie. Und so gingen die Muslime aus ihrem Tor und die Kafirūn (sprich: die Israiliten den das Sabbat-Gebot brachen) aus dem ihrigen.

Eines Tages gingen die Muslime hinaus und die Kafirūn machten nicht ihr Tor auf. Als sie sich nicht blicken ließen (und die Muslime sich wunderten, wo sie bleiben), stiegen die Muslime über die Mauer, (die die Stadt teilte) und sahen, dass sie zu Affen geworden waren, die aufeinander sprangen. Da öffneten sie für sie (das Tor). Daraufhin wurden sie (d. h. die Affen) von der Erde verschlungen.

Dies ist die Bedeutung der Aussage Allahs:

Und als sie trotzig bei dem verharrten, was ihnen verboten worden war, da sprachen Wir zu ihnen: “Werdet denn verächtliche Affen!” [7:166] und Verflucht wurden die Kafirūn von den Kindern Israels durch die Zunge Davids und Jesus’, des Sohnes der Maria. [5:78]. Dies sind die erwähnten Affen.”«

(Quelle: Ibn Kathīr, Tafsīr al-Qurʾān, Erläuterung zu 2:65, Übersetzung zitiert aus “Tazkija – Charakterreinigung – wie man ein guter Mensch wird” von Samir Mourad, Roula Mourad & Sylvia Mittendorfer, Deutscher Informationsdienst über den Islam e.V., Seite 420-422)

Die Beschäftigung mit dem Koran ist in den meisten muslimischen Ländern auf die Rezitation beschränkt. Man lernt den Koran zu lesen, die Rezitation richtig zu betonen und beginnt dann damit, so viel wie möglich auswendig zu lernen. Die überwältigende Mehrheit der Muslime taucht für gewöhnlich nicht so tief in die Exegese ein, wie es in diesem Beitrag gerade geschieht.

Aus dieser Unwissenheit resultieren – gepaart mit der bereits erwähnten antijüdischen Konditionierung durch Politik und Gesellschaft – nicht selten katastrophale Ansichten. So hat sich im Volksislam einiger Gegenden die Legende verfestigt, dass die heutigen Juden die Nachfahren von Affen und Schweinen seien.

Ein Grund für diese Legendenbildung liegt vermutlich in einer Eigenart der Arabischen Sprache, die man im Koran ebenso findet, wie in Überlieferungen und der arabischen Dichtung, nämlich die Auslassung spezifizierender oder einschränkender Ajektive im Text.

Ein kurzes Beispiel: Im Koran 3:173 heißt es (ungefähre Bedeutung):

»Die Menschen haben sich gegen euch versammelt, so fürchtet sie.«

Hier wird mit “Die Menschen” suggeriert, es handele sich quasi um alle Menschen, aber tatsächlich ist damit nur eine kleine Gruppe von Menschen gemeint.

So gibt es eine prophetische Überlieferung in der monumentalen Sammlung al-Musnad des frühen Großgelehrten Ahmad ibn Hanbal (gest. 855 n. Chr. zu Bagdad), die mit den folgenden Worten endet:

» […] Als nun Allah den Juden zürnte, verwandelte Er sie und machte sie diesen (d. h. den Affen und Schweinen) gleich«

Auch hier suggeriert der Text, dass mit “den Juden” alle Juden gemeint seien, wie wir jedoch aus der obigen Erzählung wissen, zürnte Gott nicht allen Juden und bestrafte sie somit auch nicht allesamt mit Verwandlung, sondern Gott zürnte nur dieser bestimmten Gruppe, die eine schwere Übertretung beging und sich nicht ermahnen ließ.

Jedoch, selbst im Koran wird noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass – wenn über die Schriftbesitzer (u.a. Juden und Christen) allgemein in einem verurteilendem Ton berichtet wird – nie alle in ihrer Gesamtheit gemeint sind. Und so lesen wir:

»Sie sind nicht (alle) gleich. Unter den Leuten der Schrift ist eine standhafte Gemeinschaft, die Allahs Zeichen zu Stunden der Nacht verliest und sich (im Gebet) niederwirft. Sie glauben an Allah und den Jüngsten Tag und gebieten das Rechte und verbieten das Verwerfliche und beeilen sich mit den guten Dingen. Jene gehören zu den Rechtschaffenen. Und was sie an Gutem tun, das wird ihnen nicht ungedankt bleiben. Und Allah weiß über die Gottesfürchtigen Bescheid.«

Quelle: Koran, Sure 3 (al-i-Imran), Verse 113-115, Bubenheim-Übersetzung => http://tanzil.net/#trans/de.bubenheim/3:113

Was allerdings aus dem fraglos antijüdisch motivierten Verständnis resultiert – Gott hätte dereinst sämtliche Juden in Affen und Schweine verwandelt – ist notgedrungen die Frage, wo die heutigen Juden dann herkommen, “sind sie also die Nachfahren von Affen und Schweinen?”

Die Abstrusität dieser Frage dürfte jedem klar sein, und viele von denen, die diese Legende hegen und weiterverbreiten, dürften nicht wirklich daran glauben, sondern in dieser abscheulichen Aussage lediglich eine Art religiös legitimierte Beleidigung sehen, die als emotionales Ventil missbraucht wird.

Die zeitgenössischen muslimischen Gelehrten kennen diese antijüdische Legende unter Muslimen, und so weisen sie, wo es möglich ist, auf das korrekte Verständnis hin.

Der bekannte muslimische Hadith-Gelehrte und Großgelehrte der modernen Salafiten-Bewegung, Muhammad Nāsir ad-Dīn al-Albānī (gest. 1999 zu Amman/Jordanien), kommentierte folgende Überlieferung (#1824) seiner Sammlung As-Silsila as-Sasiha

»Ibn Abbas berichtet, dass der Gesandte Allahs (s.a.s.) gesagt hat: “Die Schlangen sind eine Verwandlung der Dschinnen, so wie die vom Volk Israel in Affen und Schweine verwandelt wurden.” «

… mit folgenden Worten:

»Die Überlieferung bedeutet nicht etwa, dass die momentan vorhandenen Schlangen von verwandelten Dschinnen abstammen, sondern sie (d. h. die Überlieferung) bedeutet, dass es unter den Dschinnen vorkam, dass einige (zur Strafe) in Schlangen verwandelt wurden, so wie es unter den Juden vorkam, dass einige von ihnen in Affen und Schweine verwandelt wurden, wobei diese jedoch keine Nachkommenschaft hatten, wie es in der gesunden Überlieferung heißt: “Allah hat niemals, wenn Er etwas (aus Strafe in eine andere Art) verwandelt hat, dieser verwandelten Form eine Nachkommenschaft gegeben. Und Affen und Schweine gab es schon vorher (d. h. bevor diese Sünder in Affen und Schweine verwandelt wurden).”«

Und zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass es unter den muslimischen Gelehrten zudem eine anerkannte Meinungsverschiedenheit darüber gab, ob die Verwandlung zu Affen und Schweinen tatsächlich real oder nur im übertragenden Sinne gemeint sei.

Ibn Kathīr erwähnt in seinem Exegese-Werk, dass bspw. der frühe Korankommentator Mudschāhid ibn Dschabr (gest. 722 n.  Chr.), der zur besonders geehrten ersten nachprophetischen Generation (arab.: Tābi‘un) gehörte, die Ansicht vertrat, dass die Verwandlung in Affen und Schweine nur im übertragenen Sinne gemeint gewesen sei, und zwar in dem Sinne, dass die Sünder lediglich einen äffischen/schweinischen Charakter oder Habitus entwickelten.

Kurz zusammengefasst: Es gibt im Koran und in den prophetischen Überlieferungen Erzählungen über die Israiliten, wie es auch Erzählungen über viele andere vorangegangene Völker und Gemeinschaften in diesen Texten gibt. In diesen Erzählungen wird von den Vergehen einiger berichtet, die unter diesen Völkern und Gemeinschaften begangen wurden, und über die Strafen, die Gott über diese Sünder hereinbrechen ließ.

Eine dieser Erzählungen berichtet von einer Stadt der Israiliten, in der einige das Sabbat-Gebot hintergingen und trotz Ermahnung einiger ihrer Volks- und Glaubensgenossen nicht davon abließen. Daraufhin wurden die Sünder (und diejenigen die sie nicht zum Guten ermahnten) von Gott zur Strafe (tatsächlich oder metaphorisch) in Affen verwandelt.

Die zur Strafe Verwandelten waren nur wenige und hatten keine Nachkommenschaft. Die Legende, alle Juden wären bestraft und (in Affen und Schweine) verwandelt worden, ist ebenso falsch, wie die abstruse und beleidigende Legende, dass die heutigen Juden die Nachkommen dieser Affen und Schweine seien.

 

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